Genderissima

Immer wieder stürzt mich die aktuelle Entwicklung dessen, was einmal der Kampf um Gleichberechtigung war, in schwere Konflikte - zwischen politisch korrekten Sprachregelungen und meinem Sprachempfinden, so wenn es um Binnen-I, Verdoppelungen, Sternchen etc. geht. Es gibt aber noch andere Gründe, sich über die Schein-Erfolge öffentlich bestallter Frauenrechtlerinnen zu ärgern, die das, was wir mal wollten, auf ihre Art zum Kapital ihrer Karriere gemacht haben. Auf der website der Gleichstellungsstelle der Humboldt-Universität kann ich z.B. erkennen, dass mittlerweile zehn Frauen angestellt sind. Sie kümmern sich um Zielvereinbarungen, Förderungen, Verankerungen, Fortbildung, Coaching und ich nehme an, auch um die Toiletten für alle denkbaren Geschlechtervarianten. Neben zahlreichen Gender-Professuren gibt es Gleichstellungs-Bürokratien, es sei den Frauen gegönnt. Was als Emazipationsbewegung begonnen und frühere Bewegungen fortgeführt hat, ist zu mehr oder weniger lukrativem Brotverdienst von Funktionärinnen geworden. Sie betreiben nun Interessenspolitik, auch Lobbying, wie das sonst nur Männer machten, alles in Ordnung. Angepaßt an sonstige Strukturen verwenden sie ihre neu gewonnene Macht, wie das in Institutionen so ist, zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Dem Feminismus sei es gedankt.
Ich bekam kürzlich eine Facette dieser neuen Gerechtigkeit vorgeführt: Vor ein paar Monaten wurde ich von der Gleichstellungsstelle der Humboldt-Universität gefragt, ob ich eine "lecture" anlässlich des 250. Geburtstags von Caroline von Humboldt halten könne, es wäre ihnen eine große Ehre. Soviele Kennerinnen dieser altadeligen aufgeklärten Gattin Wilhelm von Humboldts gibt es ja nicht. Dann aber fragte ich nach Honorar und machte einen, zugegeben nicht ganz billigen - Vorschlag. Seither hörte ich nichts mehr von den Gleichstellerinnen, die regelmäßig ihr Gehalt samt Pensionsberechtigung aufs Konto bekommen, auf politisch korrekte Sprache achten, immer die richtigen Endungen verwenden und sehr böse werden können, wenn ihre zunehmend dogmatischeren Vorschriften nicht befolgt werden.
Nach vielen Wochen bekam ich eine Mail, in der steht, man habe sich für ein anderes "Format" entschieden.
Ich nehme an, dieses neue Format ist billiger als ich.
Mich interessiert deshalb die Frage, wie es um die Gleichstellung zwischen den von unseren Kämpfen profitierenden fest angestellten Berufsfeministinnen und uns alternden Freiberuflerinnen bestellt ist.
Die Kluft ist groß und wird immer größer, das ist derzeit der Lauf der Dinge nicht nur im Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter. Viele Akteure sozialer Bewegungen haben diese Erfahrung gemacht. Ob in der Kunst, die von Kuratoren definiert wird, in Literaturhäusern, die zu Pfründen für die immer gleichen Freunde geworden sind, oder ob wir auf die engagierten Kämpfer + innen schauen, die mit großem persönlichem Risiko beim Absterben stalinistischer Regimes beteiligt waren ... immer wieder halten Leute ihren Kopf hin, kämpfen für etwas, das persönliches Risiko verlangt und dann kommen diejenigen, die vielleicht nicht soviel von Freiheit und Lust verstehen, aber geschickt im Erobern und Erhalten von Macht sind.
Ich wollte mich über derlei nicht mehr ärgern. Es ist der lauf der Dinge. Vielleicht kommen bald wieder andere junge Leute, die solche institutionalisierten Verwalter früherer Kämpfe von ihren Sesseln stoßen und wieder frische Luft und Freude in die Nester der "Zivilgesellschaft" bringen.

Date: 

25.04.2016 - 10:30

Add new comment

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.