Wie kommt die Demokratie zum Volk?

Text meiner 14-Minuten-Rede:
Man hatte mich gefragt, ob ich über Wissenschaft-Öffentlichkeit und Demokratie sprechen könnte, aus gegebenem Anlass auch noch über Frauen. In 15 Minuten. Das konnte ich nur zusagen, weil ich Dilettantin bin. Als verantwortungsbewusste Wissenschaftlerin müsste ich erst ein paar Jahre forschen, um dann – sagen wir in drei oder vier Jahren – die Ergebnisse in einem längeren Vortrag vorzustellen. Aber das ändert sich gerade, weil mit der wachsenden Wichtigkeit von Wissenschafts­kommunikation nun auch Wissenschaftler + innen nicht mehr nur mit ihresgleichen reden, sondern an die Öffentlichkeit gehen müssen. Das war im vorigen (= 20.) Jahrhundert so wenig selbstverständlich wie die Kombination der Begriffe „Wissenschaft“ und „Demokratie“, oder der Gedanke, dass Frauen vollwertige und gleichberechtigte Menschen sind. Es war ein rasanter Prozess, der das Verhältnis der Wissenschaft zu allen anderen Bereichen der Gesellschaft und der Wissenschaftler zu allen anderen Menschen verändert hat … und der zum Teil kaum 20 Jahre alt ist.

Der Wandel von einem Elfenbeinturm zur Wissensfabrik, die Öffnung für den Nachwuchs aus zuvor der Alma Mater nicht würdigen Gruppen – wie Arbeiterfamilien und Frauen, und vorsichtige Schritte zum Dialog – sowohl zwischen den Disziplinen wie mit dem „Volk“ – waren Teil einer späten Demokratisierung von geschlossenen Anstalten. Sie wurde in Deutschland und Österreich mit der üblichen Verspätung nach und nach im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts durchgesetzt. Nein, nicht durchgesetzt, in zähem Ringen, dem Druck der Verhältnisse gehorchend, drang die Wissenschaft in die Gesellschaft und Gesellschaft in die Wissenschaften vor.
Wie bei allen Reformen (oder Revolutionen) war das nicht nur eine Folge des guten Willens, sondern auch einer veränderten Ökonomie. Für eine Gesellschaft, die nicht auf Rohstoffen und Industrie, sondern auf Geist und Innovation basiert, waren auch Produzentinnen gefragt; das Gespräch mit Nicht-Wissenschaftlern wurde zum wichtigen Bestandteil der Wissensgesellschaft. Langsam, sehr langsam, konnten einige wenige Frauen erst habilitieren und sogar eine Professorinnenstelle (die noch nicht so hieß) ergattern; Ordinarii mussten auf Privilegien und dann sogar auf Sekretärinnen verzichten; der Anteil an Studierenden stieg, Wissenschaft ging hinaus ins Leben.

Zu diesem Umbau gehört das gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Themen bzw. das Interesse wissenschaftlicher Organisationen, daran, diese Öffentlichkeit zu beeinflussen. Der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts und auch das Prestige der Wissenschaftler war angeknackst. Nachdem Atombombe, ärztliche Experimente, Chemie-Unfälle, Pharmazeutika-Skandale etc. das Vertrauen in die Wissenschaft untergraben hatte, musste um Verständnis für teure Projekte und Akzeptanz für Experimente geworben werden.
Programme, Initiativen, neue Institutionen (und Bürokratien) wurden in Bonn und in Wien oder auch in Brüssel ins Leben gerufen. Wissenschaftsseiten in Zeitungen, Wissenschafts­sendungen in Rundfunk und Fernsehen, Kinderunis und Infotainment haben sich erst um die Jahrtausendwende „eingebürgert“, für Bürger und Bürgerkinder und irgendwann auch Babys in Kinderkrippen den Zugang zu wissenschaftlichem Wissen erleichtert. Und weil man sich als Wissenschaftler und auch als Wissenschaftlerin mit Geldgebern, Kollegen aus anderen Fächern, Politikerinnen und skeptischer Bevölkerung verständigen muss, hat sich auch die Sprache innerhalb der scientific community verändert – es wird nicht nur zunehmend englisch benutzt, sondern zumindest versucht, Fachchinesisch zu vermeiden.
Das wäre meine journalistische Kurzfassung zu der Frage, wie ein klein wenig Demokratie in die hierarchische, abgeschottete, patriarchalische Wissenschaft kam und sich nach und nach die Architektur des akademischen Betriebs verändert hat.

Auch das Verdikt, man dürfe als Wissenschaftlerin nicht „Ich“ sagen, hat an Kraft verloren und sogar veritable Akademiker haben entdeckt, dass komplizierte Zusammenhänge manchmal durch Erzählungen eher verständlich werden als beim Aufzählen aller Faktoren. Darum hier eine kleine Auswahl meiner nicht repräsentativen Erfahrungen: Als ich mit dem Studium anfing, gab es noch Erstsemester-Tees, die Herren Professoren begrüßten die Neuen. Neben mir saß ein hübsches blondes Mädchen und der Ordinarius, wie sie damals noch hießen, fragte sie: und wenn Sie einen netten Mann kennenlernen, würden Sie dann das Studium aufgeben? Sie schlug die Augen nieder und sagte: wenn er mich liebt und das will, ja. Als ich zusammen mit einem Kollegen ein damals innovatives Projekt einreichte, brauchten wir die Unterschrift eines Professors. Wir gewannen, der Herr Professor nahm das Geld … und machte das Projekt ohne uns. Als ein anderer Professor mir vorschlug, auf seine Exkursion nach Mexiko mitzukommen und mir seine Pfote auf die Schenkel legte, genierte ich mich, nicht er. Der Artikel, den ich auf Bitten meines Vorgesetzten verfasst hatte, erschien selbstverständlich unter seinem Namen. Ich war sogar stolz, dass ich ihn schreiben durfte; die Rebellion kam erst mit dem Wissen um andere Möglichkeiten. Als ich ein kleines Kind hatte und die Kollegen bat, dass Sitzungen nicht um 6 Uhr abends stattfinden, wurde ich mitleidig angeschaut. Hätte nicht ein emanzipierter männlicher Kollege zur gleichen Zeit einen Sohn bekommen, wäre das kaum durchsetzbar gewesen. Ich denke auch an den berühmten Professor, den ich aus Zeiten politischer Aktivität kannte, und der mich anlässlich einer Konferenz noch in den 1990er Jahren fragte, ob ich „bei der Organisation mitmache“, vielleicht nur ein Lapsus, weil er sich nicht vorstellen mochte, dass weibliche Wesen nicht nur zuarbeiten, sondern selbst Vorträge halten könnten. Ich denke auch an die Frauen, die, wenn sie Professorinnen wurden, sofort in Verdacht gerieten, sie hätten das ja nur übers Bett geschafft. Allein in meiner Lebenszeit hat sich sehr viel geändert. Es war ein heroischer Aufbruch – und die Pionierinnen hätten nicht gedacht, dass prekäre Arbeitsverhält­nisse, Drittmitteljagd, der Messfanatismus von Evaluatoren und Schnellausstoß von mäßig qualifizierten Absolventinnen die Arbeit ihrer Nachfolgerinnen bestimmen würden.

Ob Cluster, befristete Teilzeitstellen, Ökonomisierung und Mediatisierung, Bachelor­Studiengänge und Gleichstellungsstellen für zwei, drei und viele Geschlechter zur Demokratisierung beitragen, will ich hier nicht beurteilen. Muße und Freiheit, diese Bedingungen für selbständiges Denken, werden damit bestimmt nicht befördert. Ich weiß auch nicht, ob die mittlerweile etablierte Verknüpfung von Wissenschaft und Politik der Volksherrschaft dient. Dabei denke ich an den jungen Kollegen, der keine Lust und sowieso keine Chance hatte, an der Universität zu bleiben. Er arbeitet heute in der wissenschaftlichen Politikberatung und erzählt, dass er ein bis zwei Jahre ein für das Gesamtwohl relevantes Problem erforscht. Für den Vortrag im Parlament hat er dann genau 20 Minuten Zeit, danach kommt der nächste Experte.
Einige gute Ideen aus den Zeiten des Aufbruchs haben sich verwandelt oder bürokratisch verläppert, institutionell aufgeblasen oder sind blutleer geworden, aber die Veränderungen sind doch erstaunlich und deshalb schadet es nicht, daran zu erinnern, was noch vor 20 oder 30 Jahren normal war.
Große Fortschritte hat die Forschung über Demokratie gemacht. Sie hat sich differenziert und internationalisiert, man weiß heute mehr über Partizipation und Gender, über Ungleichheit und die Rolle der Finanzmärkte. Es ist ein komplexes System mit vielen Regeln, aber es ist nicht sexy.
Deshalb komme ich nun endlich zum Titel meines Vortrags, zu der Frage: Wie kommen all die klugen Einsichten über Demokratie aus den Köpfen von einigen wenigen Fachleuten heraus und in die Gesellschaft hinein? Sollen sich Parlamentarier und erst recht Parlamentarierinnen ein Beispiel am Dialog der Wissenschaften nehmen, der mittlerweile vor allem als Akzeptanzbeschaffung funktioniert? Wäre vorstellbar, dass die EU, analog zu den Programmen für die Gleichstellung von Frauen oder für das Re-Arrangement von Wissenschaft und Gesellschaft einen Aktionsplan zur Belebung der Demokratie startet? Braucht Demokratie Lobbyisten in Brüssel? Oder könnten junge begabte Technikerinnen eine App entwickeln, die Warnsignale verstärkt, damit Parlamentarier z.B. rechtzeitig auf den Hunger in den Flüchtlings­camps aufmerksam werden? Vielleicht lehren uns bald die Kinder der Flüchtlinge, die (besser als unsere Kinder) wissen, warum Demokratie die beste aller schlechten Lösungen ist, wie Freiheit, Gleichheit, offener Meinungsaustausch und gegenseitige Achtung gepflegt werden.

Irgendwo in der großen Bibliothek, die alles sammelt, was es über Demokratie zu sagen gibt, finden sich sicher die Materialien über den langen, mühsamen Prozess, in dem aus unterschiedlichen Geselligkeiten – hier ein Kaffeehaus, dort ein Verein für Musik, da eine Leihbibliothek oder eine Gruppe von Freunden, die eine Zeitschrift herausgaben – vor ca. 300 Jahren jene (von Habermas überschätzte) Öffentlichkeit entstand, die als vierte Gewalt ein konstitutives Element der Demokratie werden sollte. Sie gibt es heute nur noch im Plural, wir haben keine für alle oder wenigstens viele relevanten Leitmedien. Der Dialog findet unter Stellvertretern in Talkshows statt, vorsortierte Informationen, Klicks, Filmchen, „soziale Medien“ für jeden Geschmack haben die ohnehin inhomogene Gesellschaft weiter parzelliert.

Vielleicht ist ja das Glas nicht nur halb leer, sondern auch halb voll. Denn in Plattformen, über Blogs und Initiativen außerhalb der traditionellen Politik (wie dem Democracy-Lab), in Theatergruppen und Musiktribes, im blog aus einem spanischen Dorf, über Mailinglisten und Podcasts, mittels Foren und in Programmier-Cons entstehen durchaus „gemeinsame Geschichten“. Vielstimmiger, widersprüchlicher, viel ungeordneter als in einer Enzyklopädie oder dem einen Leitmedium, über das alle [?] ihre Informationen bezogen. Natürlich haben wir nicht mehr soviel Zeit wie ein Diderot … obwohl, in 300 Jahren ließe sich gewiss einiges bewerkstelligen, damit kommende Generationen eine faire Demokratie entwickeln können.
Für den nächsten Umbau der Universitäten wünsche ich mir deshalb, dass mehr Kraft auf die Ausrüstung für diese Zukunft aufgewendet wird. Also stelle ich mir Seminare und Förderungsprogramme vor, in denen Gesprächskultur und Vergnügen am selbständigen Denken, die Kunst des Debattierens, Aushandeln, Ertragen von Vielfalt und die Fähigkeit zuzuhören erprobt werden können. Vielleicht braucht man dafür auch gar keine Universität, und irgendjemand bastelt schon an einer Demokratie-App? Wenn dann noch die vorerst doch recht einseitige Anpassung der Frauen an die in Jahrhunderten geformten männlichen Sitten umgedreht werden und sich Männer auch etwas von Frauen abschauen, kehrt vielleicht etwas mehr Zu-Neigung zu den anvertrauten jungen Menschen in die Seminarräume ein.

Alma mater, die nährende Mutter, wird, wenn sie noch nähren soll, dies nicht in überfüllten Seminaren mit überforderten Dozentinnen auf unsicheren Stellen schaffen. Und wenn sie es nicht schafft, dann hat die ganze Öffnung und Akademisierung nicht viel mehr erbracht als Effizienzsteigerung ohne Gleichheit, ohne Freiheit, ohne Freude an der Entwicklung einer fairen Demokratie.

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